Texts

 

Silvia Nettekoven: künstlerisches Statement

Dinge die zufällig oder intuitiv geschehen interessieren mich. Das kann ein zufälliger Farbklecks sein oder nebenbei, wie unbewusst, gezeichnete Linien z.B. Telefonzeichnungen, daran kristallisiert sich eine Idee für eine künstlerische Arbeit. Während des Arbeitsprozesses versuche ich mich durch eine spielerische und archaische Herangehensweise tieferen Ebenen zu öffnen. Beim Zeichnen, Collagieren und Malen interessiert mich: was passiert, wenn ich die Kontrolle aufgebe? Ich arbeite mit überbordender künstlerischer Energie in unterschiedlichen Medien, bin nicht festgelegt auf einen bestimmten Stil, meine Arbeiten entstehen mit großer Spontanität und Konzentration. Kunst verstehe ich als Mittel die Welt zu erfahren.
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Mein Werk besteht aus verschiedenen Projekte bzw. Serien, die sehr unterschiedlich sein können, fast, als hätten mehrere Personen gewirkt.
Im Laufe der Zeit baut nicht eine Serie auf die andere auf, es gibt nicht unbedingt eine lineare Weiterentwicklung. Die Nichtlinearität meiner Arbeiten wird auch unter formalen Gesichtspunkten deutlich. Phasen hyperrealistischer Malerei werden z.B. von Phasen fast naiver, gewollt ungekonnter Malerei, bzw. pseudodilettantischen Objekten, die scheinbar jede künstlerische Intention vermissen lassen, abgelöst.
Mich interessiert weniger die formale, ästhetische Seite der Kunst, wichtig ist mir der Gehalt, das Existentielle.
Ich verzichte bewusst darauf, eine eigene künstlerische „Marke“ zu entwickeln.
Inhaltlich gibt es in den verschiedenen Projekten doch eine Gemeinsamkeit: die eigene Biographie als die Quelle der schöpferischen Tätigkeit.
Mein Werk ist eine Gratwanderung zwischen Selbsterforschung und Allgemeingültigem, es befindet sich ständig im Stadium der Bewegung und der Erweiterung, der Schaffensprozess ist eine Art Wachstumsprozess.
Ziel meiner künstlerischen Arbeit ist für mich nicht nur ein ästhetisches Kunstwerk herzustellen. Das Wichtige ist der Prozess, das Experimentieren, die vergeblichen Versuche, das Ringen um ein Ergebnis. Das sind ja auch Erkenntnisprozesse, die während der künstlerischen Arbeit stattfinden. Mir geht es um Lebendigkeit und Entwicklung, ich verlasse immer wieder den sicheren Bereich der Konsens-Kunst, begebe mich auf eine Gratwanderung mit ungewissem Ergebnis.
Die fertigen Arbeiten sind für mich selbst oft überraschend, ich beginne erst dann darüber nachzudenken, was die Arbeiten inhaltlich bedeuten könnten, das ist sehr interessant, führt aber meist zu keinem konkreten Ergebnis, es bleibt eher eine Ahnung.
Auch für den Betrachter bleiben meine Arbeiten „offen“, vielleicht auch unvollendet in dem Sinne, dass das Werk sich auf keine fassbare Aussage reduzieren lässt.
“Nur der kann wahre Schönheit entdecken, der im Geiste das Unvollendete vollendet“ Okakura (Zen)Aktuell arbeite ich an der Serie „Metamorphosis“, das sind bis jetzt ca. 150 Arbeiten auf Papier, in Mischtechnik, in den Formaten A4 und A2.
Metamorphose ist in der Mythologie der Gestaltenwechsel oder die Verwandlung einer Gottheit, eines mythischen Wesens oder eines Menschen, von Tieren und Objekten.
Die Personen in den Bildern wirken archaisch, mythologisch. Thema ist auch die Gleichzeitigkeit, wie in Träumen stehen Gegenwart und Vergangenheit nebeneinander, die Grenzen, auch der Objekte im Bild, sind fließend.“Das Ziel jedweder Kunst ist, sich selbst und der Umwelt den Sinn des Lebens und der menschlichen Existenz zu erklären. Also den Menschen klar zu machen, was der Grund und das Ziel ihres Seins auf unserem Planeten ist. Oder es ihnen vielleicht auch gar nicht zu erklären, sondern ihnen lediglich diese Frage zu stellen.” Tarkowski

Beate Spitzmüller: Archäologie und Bildende Kunst

Text anlässlich der Ausstellung „Changes“, Katharinenhof am Preußenpark, Berlin, 2015

Sei es die Sehnsucht nach vergangenen Hochkulturen oder die Faszination für Ruinen und Ausgrabungsstätten, die Beweggründe, sich mit der Wissenschaft der Archäologie auseinander zu setzen, sind sehr unterschiedlicher Natur.
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In der Bildenden Kunst hat das verbundene Interesse mit der Archäologie und das Interesse an der kulturellen Entwicklung der Menschheit seit jeher Spuren hinterlassen. Und spätestens seit Michel Foucaults sein Buch „Archäologie des Wissens“ (1969) veröffentlichte, ist Archäologie zu einem mächtigen Paradigma der Kulturwissenschaft geworden. Dabei haben sich unerwartete Kombinationen, andere Sehweisen und Fortentwicklungen, sowie neue Einschätzungen in diesem Disziplin ergeben (Michel Foucaults war ein französischer Philosoph, Psychologe, Historiker und Soziologe. Er untersuchte, wie Wissen entsteht und Geltung erlangt, wie Macht ausgeübt wird und wie Subjekte konstituiert und diszipliniert werden.).

Die Künstlerin Silvia Nettekoven, die heute bei uns ausstellt, hat Themenfelder der Archäologie, insbesondere die Bereiche der Vor- und Frühgeschichte aufgegriffen und weiter verarbeitet. Sie zeichnet, aquarelliert und collagiert. In ihren Arbeiten finden wir jedoch keine Abbildungen von Ruinen oder Ausgrabungen, und auch das Katalogisieren und Archivieren – was in der Wissenschaft ein wesentliches Merkmal ist, sind für sie eher ohne Bedeutung. Ihr Augenmerk liegt auf den mannigfaltigen Fundstücken, die einen unglaublichen Reiz auf sie ausüben. Diese Fundstücke werden von ihr übernommen und zwar so, dass der Betrachter meist nicht mehr erkennen kann, dass das übernommene Element aus der archäologischen Sammlung stammt… das kann ein Armreif, eine Brosche, ein Stück Scherben, ein wertvolles Fundstück sein.
Dieses Material aus einer längst vergessenen und kaum noch nachvollziehbaren Zeit beschäftigt sie in vielfältiger Weise. Und das nicht nur in der Malerei. Jahrelang hat sie für ein Museum gearbeitet, hat für das Museum Zeichnungen und multimediale Arbeiten angefertigt sowie diverse Ausgrabungsstätten besucht. Durch genaue Beobachtung, Analogien und Deutungen sowie aus Fragmenten rekonstruierte sie zeichnerisch und multimedial längst untergegangene Kulturen. Neben der Beschäftigung der gegenständlichen Welt ist dabei die Frage der damit verbundenen Lebensweise ebenso spannend.
Nun stellt sich uns die Frage: Wie verarbeitet S. N. in ihren künstlerischen Arbeiten diese Gegenstände aus der Ur- und Frühgeschichte und wie werden diese von ihr weiterentwickelt und eingesetzt? Und wie bindet sie die Geschichte der Menschen aus der Steinzeit bis zur Bronzezeit in ihre Illustrationen ein?
Ihre Vorgehensweise:
Sie verwendet Skizzen, Studien, halbfertiges Material und Vorstufen für Illustrationen, und archäologische (wissenschaftliche) Zeichnungen. Die einzelnen Elemente werden neu kombiniert, die Skizzen und Zeichnungen in einen neuen Zusammenhang gebracht, so dass sie sich zu einer Bildkomposition zusammenfügen und neu gelesen werden können. Durch diese Kontextverschiebung bekommt das Gezeichnete – also der Armreif, der Ring- einen anderen Sinn. Teilweise sind die gezeichneten Gegenstände so aus dem Kontext herausgelöst, dass sie nicht mehr erkennbar sind. Durch eben diese Kontextverschiebung können sich dem Betrachter mannigfaltige Assoziations- und Bedeutungsstränge eröffnen. Die Bilder wirken wie Traumsituationen, surreal, vielleicht Fragmente der Vergangenheit?
Hier im Katharinenhof zeigt sie ihre Serie Emptiness / Changes.
Es sind teils großformatige Collagen und Aquarelle in den Formaten A2 und A4.
In diesen Blättern sind verschiedene Techniken zusammengemischt, das Aquarell, die Collage und die Zeichnung.
Durch den Einsatz der Nass in Nass Maltechnik entstehen zufällige Farbränder und Formen, die sie in ihren Aquarellen als gestalterisches Element miteinsetzt.
Im ersten Moment erwartet man, dass eine Geschichte dargestellt wird, dass die Künstlerin uns etwas erzählen möchte. Dem ist nicht so. Dieses Versprechen, sofern es eines ist, wird von der Künstlerin nicht eingelöst. Farben und Formen entstehen zufällig, Elementewerden nach rein formalen Gesichtspunkten ins Bild gesetzt und komponiert. Eine Deutung des Bildes bleibt deshalb dem Betrachter überlassen, dem sich jedoch durch die Kontextverschiebung – auch auf der zeitlichen Ebene – mannigfaltige Assoziationsmöglichkeiten eröffnen. Sie zurren nicht fest und lassen der eigenen Fantasie, den eigenen Bildern eine große Freiheit.
Begeben wir uns auf eine Zeitreise, weit in Frühzeit der Menschheit und gleichzeitig in das Hier und Jetzt. Eine Reise vielleicht, die unseren eigenen Lebensweg nachzeichnet, Erinnerungen, Fragmente, die an die Oberfläche gelangen, sich möglicherweise assoziativ verbinden und präsent werden.
©Beate Spitzmüller im Juni 2015

 

Hanne Loreck: Phantastische Wesen

Katalogtext anlässlich der Ausstellung Früchte, Bahnhof Westend, Berlin, 1995

Phantastische Wesen und Riesen bevölkern Mythologien, Legenden und Märchen, Menschenfresser darüber hinaus auch (historische) Berichte über Rituale jener fremden Kulturen, in denen es Kannibalismus gibt. Es sind unheimliche Figuren, die zwischen Fiktion und Wirklichkeit schwanken und als Teil einer psychischen Realität eine imaginäre Wirkung haben. Warum man Riesen und Menschenfresser ohne weiters Nachdenken für männlich hält, wäre zu fragen…
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Silvia Nettekovens in der Art eines figürlichen Fetisches aus Stoffresten grob zusammengestückelter sitzender Riese und ihr aufrechter Menschenfresser vermitteln das Symbolische mit dem Imaginären: Jemanden zum Fressen gerne haben heißt, die Grenzen zwischen sich und dem begehrten Anderen in der Einverleibung aufheben zu wollen. Aber schon in der lustvoll-genüßlichen Dimension, mit der man kleinen Kindern spielerisch in den Arm beißt, deutet sich die Gewalt an, mit der man gerne Aufklärung über das unbekannte Innere des anderen suchte. Wie auch in der Fresssucht, durch die das Problem nach innen verlagert wird, als Ersatz für das Begehren des Anderen. Silvia Nettekoven verwendet die Metapher des Riesen, die als Figur des Unbewussten ihr Spiel mit dem Subjekt treibt, indem sie dem Betrachtersubjekt einen Einblick in das Innere gewährt. Dort kann er hinter der Stirn Gedanken lesen und wird Zeuge der traumatischen Wiederholung:…Same old fucking problems, Same old shit, Same old me, …steht auf herausnehmbaren Zetteln geschrieben.
Es ist die Buchstäblichkeit, die in den Arbeiten von Silvia Nettekoven radikale Formen annimmt, radikal, denn die Harmlosigkeit in der Kindlichkeit der Machart und der rohen Proportionen ihres blauen Spielungeheuers entpuppt sich als Schein.

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